Du kannst nach dem Shooting auch bei mir duschen

16. Juli 2017


 

Es gibt viele Gründe, Fotografie zu seinem Hobby zu machen. Manche wollen sich kreativ ausleben oder Geschichten erzählen. Andere lieben es, sich mit den technischen Aspekten auseinanderzusetzen und einige schielen vielleicht auf Reichtum und Ruhm.

So weit, so legitim.

Sprechen wir über den Elefanten im Raum

Es gibt da dieses Bild eines Hobbyfotografen (und teilweise auch von Berufsfotografen), tief aus der Klischee-Schublade. Das Bild des Mannes, für den die Fotografie nur ein Scheinhobby ist, ein Mittel zum Zweck. Der Mann, der es eigentlich nur darauf anlegt, unter einem vermeintlich koscheren und seriösen Deckmantel junge, attraktive Frauen halb- bis ganz nackt vor sich räkeln zu sehen – ohne jegliches kreatives Gespür oder Ansinnen, ohne jeglichen Qualitätsanspruch.

Das erste Problem: Das Klischee ist keins. Diese Männer existieren zuhauf – man muss z.B. nur mal eine halbe Stunde lang die Model-Kartei durchsurfen. Das zweite Problem: Die ehrlichen – die richtigen (Hobby-)Fotografen stehen durch diese Herren immer mehr oder minder mit halben Bein im Verruf. Weibliche Personen zu fotografieren geht gerade bei Außenstehenden oft mit einem leicht süffisantem Grinsen einher. “Ach, für dich ziehen sich die Frauen aus.” Hö hö hö. “Na, du knipst ja immer die nackten Mädchen, oder?” He he he. Ich erinnere mich an einen Instagram Live-Stream von einem bekannten Fotografen. Er erzählte ein wenig über seine Fotografie und gab dann die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Es dauerte keine 10 Sekunden bis der erste eine zweideutige Frage bzgl. Aktfotos stellte – keine weiteren fünf bis ein anderer fragte, ob denn “sein kleiner Freund bei den Shootings im Zaum zu halten ist”. Gnihihihi.

Der Fotograf. Der Lüstling.

Nur witzig ist das gar nicht. Nicht für die Fotografen, die sich immer wieder aus der Schmuddelecke rausrechtfertigen müssen, selbst wenn die eigenen Fotos überhaupt keinen Anlass dazu  geben, irgendwas unseriöses zu unterstellen – und erst recht nicht für die weiblichen Models. Als Frau ist man ohnehin selbst im Jahr 2017 permanent den diversen Übergriffigkeiten der Männerwelt ausgesetzt, doch als Model scheinen sie für besagte Herren geradezu Freiwild zu sein.

Immer, wenn ein Fotograf in seinen öffentlichen Profilen angibt, single zu sein (was für seine fotografische Tätigkeit wohl eine wichtige Information ist) ist Obacht geboten. Herren, die ihre Erfahrung hinter der Kamera gerne im zweistelligen Jahresbereich angeben und stolz ihr umfangreiches Equipment im Gegenwert eines Kleinwagens aufzählen. Leider beschränken sich die kreativen Ergüsse dieser meist mittelalten Herren dann oft auf exorbitant überbearbeitete Beautyretuschen unfotogener Personen oder dahingeknipste Machwerke unterirdischster Kreativität.

Foto-Frank, Kamera-Markus, Objektiv-Jochen

Ich kumuliere jetzt mal aus billigsten sarkastischen und dramaturgischen Gründen all diese Herren und nenne den Surrogat “Objektiv-Jochen”.

Objektiv-Jochen ist 41 Jahre alt. Er fotografiert mit unregelmäßigen Pausen seit ca. 15 Jahren. Anfangs war es das pure Interesse an der Technik. Jochen hatte Spaß daran, die Welt um sich herum festzuhalten und obendrein auch noch beeinflussen zu können, wie das Ergebnis aussieht. Endlich mal Kontrolle. Sonst lief es ja eher ziemlich mellow.

Nach dem mittelmäßigen Realschulabschluss und seiner Zeit beim Bund fing er seine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann bei einer großen deutschen Elektronikkette an. Dort durfte er die Kamera-Abteilung aber nur von Weitem sehen. Er war mitverantwortlich für den Aufbau der neuen DVD-Abteilung.

Er mochte DVDs, denn da konnte er bei Filmen immer viel einfacher zu den Stellen springen, an denen sich die Hauptdarstellerin auszog. Für ihn zog sich ja leider keine aus. Egal wie sehr er sich am Wochenende in der Disse Mühe gab, die Ladies nahmen keine Notiz von Jochen.

Einfacher als Tinder

Als er immer häufiger mit seiner Kamera unterwegs war und Häuser fotografierte und Blumen und Hunde und Springbrunnen,  sah er eines Tages im Park zwei junge Frauen auf einer Bank sitzen. Sie waren ganz schön heiße Mäuse (Jochens Lieblingsbegriff für attraktive Frauen), lachten und die Sonne beleuchtete sie so schön. Von sich selbst überrascht ging Jochen schnurstracks hinüber.

“Hallo! Ich bin Fotograf, ihr seht hier gerade echt toll aus. Darf ich ein, zwei Fotos von euch machen?”

Entgegen all seinen Erwartungen willigten die beiden sofort ein und es kam eine halbstündige, spaßige Fotosession zusammen. Eine der beiden, die Jessy,  gab ihm anschließend ihre ICQ-Nummer, damit er ihr die Bilder schicken könne. Noch am selben Abend sendete er ihr die Dateien und zu seiner erneuten Verblüffung sagte Jessy, dass die Bilder ganz toll seien und sie ja schon immer mal erotische Fotos machen wollte, ob er sich das vorstellen könne.

Bäm! Objektiv-Jochen war geboren. Nur durch die Macht seiner Kamera konnte er den Bräuten die Klamotten vom Leib pusten. Welch Offenbarung! Alle anderen Aspekte des Fotografierens wurden hinten angestellt – ausziehwillige Models zu finden, die sich vor IHM entkleideten, für IHN posierten, SEINE Anweisungen durchführten, war DER Kick für Jochen.

Heute, 15 Jahre später, hat Jochen drei wenig stabile Beziehungen hinter sich und auf seiner Facebook-Fotografen-Seite plakativ stehen, dass er single ist. Man weiß ja nie, ob nicht das ein oder andere Playmate sich auf seine Seite verirrt und beim Anblick von Jochens unwiderstehlicher Peter Griffin Ästhetik schwach wird.

Bis Jochen wieder eine Freundin hat, ist er aktiv auf der Modeljagd. Er war regelrecht süchtig danach. Er durchforstet Facebook und Instagram die halbe Nacht lang nach schönen Frauen. Anfangs schrieb er immer nur die an, die scheinbar eine Verbindung zum Modeln hatten. Doch als sich in den letzten Jahren immer weniger heiße Mäuse für seine Anfragen interessierten, ging er dazu über willkürlich alle Frauen anzuschreiben, die ihm halbwegs “fickbar” erschienen. Natürlich hatte er nie was mit einem seiner Models (auch wenn er in Wirklichkeit nichts lieber hätte), aber der letzte Funken Ehrgefühl und die Tatsache, dass er das Aussehen und die Austrahlung eines Vortag Big Mäcs hatte, verhinderte eine solche Verquickung.

Akt sollte kein Fremdwort sein

Die Genesis von allen Chats mit potentiellen Models ist immer folgender Text, den sich Jochen zum schnelleren Copy-Pasten als Text-Datei auf den PC-Desktop und auf sein Handy abgespeichert hat:

Hi! Geht’s dir gut?
Mein Name ist Jochen und beim Durchsuchen der Profile bin ich bei deinen Bildern hängen geblieben und bin ziemlich begeistert und möchte dich gerne zu einem Shooting einladen.
Geshootet wird bei mir mit einem TFP-Vertrag. Die Aufnahmebereiche sprechen wir natürlich auch vorher ab und ich dränge oder überrede dich zu nichts was du nicht willst. Allerdings sollten die Begriffe Bademode, Dessous, Teilakt und Akt keine Fremdwörter sein.
Ich würde mich freuen von dir zu hören.

Angabe Jochen – dann waren ertsmal die Weiber dran! Mal schauen was geht. Manche antworteten gar nicht, andere direkt und interessiert und einige hatten nach einiger Zeit erstmal ein paar Nachfragen.

Nicht selten wurde direkt die Qualität von Jochens Potfolio in Frage gestellt: “Deine Fotos sind leider nicht so auf meinem Level.”
“Was soll an meinen Fotos anders sein bitte?!?!?!” Jochen war außer sich.
“Sei nicht böse, aber für TFP sind deine Arbeiten einfach etwas schlechter als meine.”
Jochen musste vor seinem Computer laut auflachen. Unglaublich. Was erlaubte die Tussi sich? “Eingebildete Schlampe, dann mach doch weiter Fotos mit deinen Drecksfotografen! 😀 Wird sich schon noch rächen! 😉 ” Jochen setzte ein paar Emojis, um zu zeigen, dass auch er ein Mensch mit Gefühlen war.

Ansonsten legte Jochen immer viel wert auf eine gehobene und seriöse Kommunikation. Auch verstand er sich als Lehrmeister und Erklärer. Netterweise stellte er einem unerfahrenen Model gegenüber einmal klar:
“Gute profesionelle Models ziehen sich immer vor der Kamera aus.”
Sie wollte trotzdem nicht. Das fand er schon etwas frech.
“Du bist doch nur feige ! Du wirst es nie als model schafen du prüde ***** !”

Generell war die Bereitschaft sich vor ihm auszuziehen momentan besonders gering. Gerade Models die auf PAY shooteten erhellte er mit folgendem Business-Insight:
“Wenn du Geld verdienen willst, musst du dich ausziehen !“

Er war auch schon zu lange in der Fotografie-Szene, als dass er sich von dahergelaufenen Abiturientinnen auf der Nase rumtanzen lassen wollte:
“Sei besser nett zu mir. Ich kenne sehr viele hohe Tiere.”
Die sollen mal schön ihren Platz kennen, die Weiber!

Wenn seine Jagd auf neue Models etwas ins Stocken geriet, schrieb er auch gerne mal Models an, die schon mal mit ihm geshootet hatten. Die waren ja erwiesenermaßen kooperationsbereit.
“Ich bearbeite gerade deine Bilder. Wie wäre es wenn du mir ein Selfie zur Motivation schickst ?”
Klappte leider auch eher selten. Verstand er nicht.

Vielleicht weil sich Jochen während eines Shooting mal zu der Frage verstieg:
“Sag mal. Bist du beim Sex eigentlich dominant ?”

Überhaupt schien immer bei den Shootings die Stimmung zwischen ihm und den Models zu kippen. Er hatte doch im Vorfeld gesagt, Akt dürfte kein Fremdwort sein. Wieso stellten die sich also so an, wenn er aus heiterem Himmel während einem Portrait Shooting fragte, ob sie dann jetzt bitte nicht ein paar Fotos in seinem Stil machen könnten. Oft waren die Models dann irritiert:
“Wenn das hier gerade NICHT dein Stil ist, was dann bitte?!”
Jochen war dann schnell genervt. “Na Akt! Da hatten wir aber klipp und klar drüber gesprochen!”

Jochen änderte seine Taktik beim Model-Anwerben etwas. Vielleicht halfen Komplimente? Ein wenig Honig um’s Maul schmieren:
“Du hast einen geilen Arsch, den würde ich ja zu gerne fotografieren”
Peinlich war nur, als er im Copy-Paste-Rausch nicht merkte, dass einige der Damen gar keine Fotos online hatten, auf denen man ihren “Arsch” hätte sehen können.

Jochen musste sich konzentrieren und auf seine Ethischen-Grundsätze besinnen!
“Ich bin professionell keine Sorge.”, wurde seine Allzweckwaffe bei allen kritischen Nachfragen.

Und was war schon dabei zu fragen “Kann ich dich shooten, würde dir danach auch deine socken abkaufen.”? War doch eine nette Geste von ihm, so eine Offerte. Geld kann man ja immer gebrauchen.

Von Zeit zu Zeit kam es vor, dass selbst Jochen merkte, wenn ein Model für ihn eine Stufe zu hoch war. Schuster bleib bei deinen Leisten, dachte er sich immer. Dennoch hielt ihn das nicht davon ab, tollen Models die Komplimente zu machen, die Ihnen zustanden:
“Deine Setcard ist atemberaubend, du setzt dich wundervoll in szene und die fotografen lichten dich super ab ! du bist sehr hübsch und dein body extrem sexy !! echt schade dass du kein akt machst … dein fotograf müsste man sein, dann sieht man wenigstens zwischen dem outfit wechsel oder vor bzw. nach der Aufnahme deine geilen titten !”

Jochen verstand auch, dass jede Person unterschiedlich ist. Man durfte nicht mit der Brchstange vorgehen und stets Kompromissbereit bleiben.
“Ich brauche dich als Model für ein Bademoden Shooting!”, eröffnete er einer jungen Damen.
Ihre Antwort kam prompt: “Ne tut mir leid, damit würde ich mich im Moment nicht so wohlfühlen.”
“Ok, dann halt nur obenrum Bademode, ja ?!”, fragte er nett, doch eine Antwort erhielt er von der undankbaren Schlampe bis heute nicht.

Naja – Jochen musste auch mal abschalten. Von Zeit zu Zeit ging er einfach nur Tour durch einschlägige Fotografie-Portale und verteilte dort wohlwollende, nette Kommentare unter den Bildern der heißestens Mäuse. Etwa “Oh yes! Mega heißes Foto! Da will ich am liebsten mitspielen!” oder “Kopfkino pur! Darf man dich als Fotograf auch berühren fürs Foto?”

Dann kam dieser eine Tag. Jochen war gerade am Schreiben mit einem Mädel, da entdeckte er durch fundiertes Stalken den Fund des Tags.
“Ich habe gesehen deine Schwester modelt auch??”, er musste seine FInger kontrollieren, damit er trotz freudiger Aufregung tippen konnte. ”Hat sie vielleicht Lust bei einem GG shooting mitzumachen bis akt?”
Das Mädel reagiert etwas herablassend: “XD was? das ist meine schwester!!! und die ist auch erst 17!”
Jochen stöhnte auf. “Ihr müsst ja nur etwas kuscheln.” Was war schon dabei? “Und auf den Fotos sieht ja eh keine seele wie alt sie ist.”
Auch hier keine Antwort mehr. Blöde Pisskuh!

Jochen verstand einfach nicht, wo das Problem der Frauen lag. Er war doch höflich, er war transparent und hatte auch immer gutgemeinte Angebote parat:
“Du kannst nach dem Shooting auch bei mir duschen.”

Kürzlich war es dann soweit. Ein Meilenstein in Jochens Fotografie-Laufbahn. Er schrieb länger mit einem Model hind und her. Es ging um Outfits und die Frage, warum er nicht möchte, dass eine Begleitperson mit zum Shooting kommt. Die lenken nämlich immer nur ab und helfen nie mit. Und stellen doofen fragen, wenn Jochen wieder Fotos in seinem Stil machen will. Jedenfalls lief das Gespräch aus Jochens Sicht hervorragend. Die Maus war scharf wie Nachbars Lumpi und er fühlte sich ihr seltsam verbunden. Er entschied sich also ihr von seinem Kunstprojekt zu berichten. Nun ja genaugenommen gab es kein Kunstprojekt, aber er könne ja mit ihr eins starten.
“Du machst ja nur pay. Ich will dich gerne fotografieren, aber es wäre genial, wenn du dann auch über unser SHooting hinaus an einer Kunstserie von mir teilnehmen würdest.”
“Und was ist das für eine Kunstserie?”, fragte Sie irritiert.
“Du wirst jetzt erstmal lachen, aber es geht darum, dass du meinen Penis in deine Hand nimmst. Ich fotografiere ihn dann. So entsteht eine Serie von meinem Penis mit immer anderen Händen und anderen Fingernägeln um ihn rum. Vielleicht mache ich einen Bildband später mal.”
Sie lachte nicht. Sie schickte ihm ein GIF und meldete sich nie wieder:

 

Jochen ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit echten Personen sind rein zufällig. Die Zitate und einzelne Begebenheiten sind jedoch real und stammen von verschiedensten Personen.

 

Nachtrag, 17.07.2017

Ich wurde korrekterweise darauf hingewiesen, dass es natürlich auch „Jünglinge“ mit solch einem Verhalten gibt und sicherlich stammen einige der Zitate auch von Leuten weit unter 41. Da man aber gerade das obszöne Verhalten der Älteren viel offenkundiger im Netz nachvollziehen kann, habe ich mich bei der kleinen Geschichten etwas auf ältere Herren fixiert. Nicht böse sein, ihr 20 jährigen. Ihr seid genauso creepy.